Was bedeutet es, Mensch zu sein, wenn unsere Wirklichkeit zunehmend durch sog. Künstliche Intelligenz und virtuelle Räume vermittelt wird? Dieser Frage widmete sich ein Vortrag zum Thema „Der Schleier der KI“, der im Rahmen des Akademischen Forums Albertus Magnus in Regensburg stattfand. Im Mittelpunkt standen dabei nicht technische Details, sondern die Grundlagen menschlicher Erfahrung – mit einer differenzierten Erkenntnis: Digitale Technologien eröffnen neue Möglichkeiten, verändern zugleich aber tiefgreifend unsere Weise, in der Welt zu sein.
Im Zentrum standen zwei eng verbundene Themenfelder: die digitale Vermittlung von Wirklichkeit durch KI sowie die Verlagerung von Erfahrung in virtuelle Räume.
Als Referent sprach Prof. Dr. Georg Gasser, Ordinarius für Philosophie an der Universität Augsburg und Direktor des Instituts für Philosophie. In seiner Forschung beschäftigt er sich unter anderem mit philosophischer Anthropologie, personaler Identität und den Herausforderungen moderner Technologien.
Unter den interessierten Zuhörern befand sich auch Bischof Dr. Rudolf Voderholzer, der sich mit anregenden Wortmeldungen an der anschließenden Diskussion beteiligte.
Mensch ist wesentlich ein leibliches Wesen
Im Kern des Vortrags stand die These, dass der Mensch wesentlich ein leibliches Wesen ist. Wahrnehmung, Handeln und soziale Beziehungen entstehen aus einer körperlich verankerten Weltbeziehung und nicht allein aus abstraktem Denken.
Diese Grundstruktur wird durch digitale Technologien verändert:
Künstliche Intelligenz fungiert zunehmend als vermittelnde Instanz, indem sie Informationen filtert und personalisiert. Dabei ist bereits vorgängig eine präzise Unterscheidung erforderlich: KI unterscheidet sich von menschlicher Intelligenz nicht einfach im Leistungsgrad, sondern in der Art des Erkennens. Während menschliche Intelligenz an Personsein, Wahrheitsbezug und moralische Verantwortung gebunden ist, imitiert KI lediglich kognitive Leistungen, ohne eigenes Verstehen oder Verantwortlichkeit zu besitzen. An dieser Differenz hängen grundlegende Fragen nach Wahrheit, Verantwortung und Menschenwürde.
Zugleich verlagern virtuelle Realitäten Kommunikation und Erfahrung in digitale Räume, wodurch unmittelbare leibliche Präsenz ergänzt – teilweise auch ersetzt – wird.
Der Vortrag betonte dabei die Ambivalenz dieser Entwicklung. Digitale Technologien erleichtern viele Lebensbereiche, erweitern Kommunikations-möglichkeiten und schaffen neue Zugänge zu Wissen. Gleichzeitig verändern sie aber auch in nicht unproblematischer Weise Formen der Aufmerksamkeit, der sozialen Interaktion und die Tiefe von Erfahrung.
Debatten auf kirchlicher Ebene
Auch auf kirchlicher Ebene wird die Debatte aufgegriffen: Die vatikanische Note „Antiqua et nova“ vom Januar 2025 thematisiert Verantwortung und Menschenwürde im Umgang mit neuen Technologien. Zugleich wurde auf die für den 25. Mai angekündigte Enzyklika „Magnifica humanitas“ verwiesen, die Fragen von Wahrheit, Verantwortung und Gemeinwohl im digitalen Zeitalter in den Blick nimmt.
Fazit: Der Vortrag machte deutlich, dass es bei KI und virtuellen Realitäten nicht nur um technische Innovationen geht, sondern um eine grundlegende Transformation der menschlichen Lebensform. Entscheidend ist daher eine bewusste Auseinandersetzung damit, wie diese Technologien unsere Wahrnehmung, unsere Beziehungen und unser Selbstverständnis prägen – und wie sie verantwortungsvoll gestaltet werden können.
Youtube-Link zu einer ähnlichen Veranstaltung:
Vortrag „Der Schleier der KI: Die gefährdete Leiblichkeit im Zeitalter virtueller Welten“ von Prof. Dr. Georg Gasser, Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart / Forum Grenzfragen / Tagung 26.-28. September 2025 „Heilsversprechen Künstliche Intelligenz“.
Dieser Vortrag ist nicht vollkommen identisch, aber in weiten Teilen übereinstimmend mit den am 19. Mai 2026 im Rahmen des Akademischen Forums Albertus Magnus präsentierten Inhalten.

