„Lege deinen Finger in die Wunden!“ – Gedanken zum Osterfest

Die Feier der österlichen Tage – von Gründonnerstag über Karfreitag bis zum Ostermorgen – führt uns jedes Jahr neu an Grundfragen menschlicher Existenz heran: an Leid, Schuld, Tod und Hoffnung. Es sind Fragen, die nicht nur den persönlichen Glauben betreffen, sondern auch das Denken, das Forschen und das verantwortliche Leben in einer komplexen Welt herausfordern – und die immer wieder neu der gemeinsamen Reflexion bedürfen.

Im christlichen Credo bekennen wir von Christus: „gelitten, gestorben, begraben, auferstanden“. Dass dieses Bekenntnis nicht bloß eine religiöse Formel ist, sondern unser eigenes Leben berührt und trägt, erschließt sich jedoch nicht von selbst. Gerade in einer Zeit, die es meisterhaft versteht, Ablenkung zu produzieren, Unangenehmes zu verdrängen und existenzielle Abgründe auszublenden, bleibt der Osterglaube oft schwach oder unverstanden. Wo Zerstreuung an die Stelle von Auseinandersetzung tritt, verliert die Hoffnung ihre Tiefe.

Ostern aber verweigert sich jeder oberflächlichen Vertröstung. Es setzt die ehrliche Konfrontation mit der Zerbrechlichkeit menschlichen Daseins voraus – mit Schuld, Endlichkeit und der Erfahrung von Tod. Erst wo die eigene Erlösungsbedürftigkeit ungeschönt in den Blick kommt, kann sich die befreiende Kraft von Tod und Auferstehung Christi erschließen.

Diese Perspektive ist auch für unser Akademisches Forum bedeutsam: sie ermutigt dazu, Fragen nicht zu überspringen, Zweifel ernst zu nehmen und Verletzungen nicht zu verschweigen: „Lege deinen Finger in die Wunden“ – diese Wort des Auferstandenen an den Heiligen Thomas kann als Einladung verstanden werden, den eigenen Fragen, Brüchen und Erfahrungen und jenen der Gesellschaft nicht auszuweichen, sondern sie in einen reflektierten Dialog einzubringen. Im Licht des Gekreuzigten und Auferstandenen können sie zu Orten von Erkenntnis, Befreiung und neuer Lebendigkeit werden.

Seit Ostern gilt die Verheißung der Versöhung: die tiefe Wunde der Trennung zwischen Gott und Mensch ist geheilt durch die vollkommene Hingabe Jesu. Daraus erwächst eine Hoffnung, die Denken und Glauben, Wissenschaft und Spiritualität, persönliche Lebensfragen und gesellschaftliche Verantwortung miteinander ins Gespräch bringt.

Eine erfüllte und hoffnungsvolle Osterzeit wünscht Ihnen
Domvikar Dr. Christian Schulz
Akademisches Forum Albertus Magnus